• AGEOD: Pride of Nations REVIEW

    In wenigen Stunden wird AGEOD (Paradox Frankreich) Pride of Nations an den Start gehen lassen. Das rundenbasierende Strategiespiel ist angesiedelt im Viktorianischen Zeitalter, genauer gesagt in der Kolonialisierungsära des neunzehnten Jahrhunderts, in dem der Spieler als Staatsführer sein Land durch Industrialisierung, militärische Eroberung und Kolonialisierung zur Weltmacht ausbauen kann.

    Die auch als Imperialismus bekannte Epoche des späten neunzehnten Jahrhunderts war geprägt durch das Bestreben diverser Nationen, ihren Einfluss auf andere Länder oder Völker auszudehnen. Einhergehend mit diesem Bestreben durchliefen die ersten westlichen Staaten die sogenannte industrielle Revolution und wandelten sich von Agrar- zu Industriestaaten in denen Schwerindustrie, basierend auf Kohle und Stahl, und eine zunehmende Dampfschifffahrt entscheidende Positionen einnahmen.

    Das an die Historie der Geschichte angelehnte Spiel wird am 07. Juni erscheinen und auf Gamersgate ist Pride of Nations durch Pre-Order bereits die Nummer Eins in der Verkaufs-Rangliste. Die Installation der von Paradox Interactive an 7idgaming.de zur Verfügung gestellten Review Version gestaltete sich problemfrei und während meiner mehrtätigen Testphase wurde ich nur einmal unversehenst wieder auf den Desktop geschickt.


    Es stehen mehrere Kampagnen zur Auswahl. Am Interessantesten dürfte die lange Kampagne sein, welche den Zeitrahmen von 1850 bis 1920 umfasst. Als spielbare Nationen stehen neben den USA, Grossbritannien, Frankreich, Japan, Russland sowie Österreich-Ungarn auch Preussen und Sardinien-Piemont zur Verfügung. Letztere beide können durch geschickte Politikführung zu Deutschland bzw Italien vereint werden.



    Nach dem Start der Kampagne landet man auf einer stufenlos zoombaren Karte, welche leider doch recht lieblos gestaltet ist. Hier geht gleich eine erste Schelte in Richtung Frankreich. AGEODs ältere, doch auf der selben Engine basierenden Spiele, hatten im Grunde durchaus ansehnliche Karten und eine liebevollere Präsentation. Man denke nur an "Rise of Prussia" oder das doch schon recht betagte "The Blue and the Gray". Pride of Nations hätte hier ruhig ein paar extra Arbeitsstunden vertragen können.

    Kenner von AGEODs Vorgängertiteln fühlen sich im ersten Moment doch recht schnell heimisch auf der Karte. Aber der erste Schein trügt. Während bei den früheren Titeln die militärische Kriegsführung im Vordergrund stand, ist man bei Pride of Nations zudem verantwortlich für die gesamte Wirtschaft, Industrie, Forschung und Politik seiner Nation.

    Der Hauptbildschirm hat vier verschiedene Modi. Im standardmässig eingestellten Militärmodus sind die militärischen Verbände eingeblendet, welche man hier inspizieren oder bewegen kann. Diese Ansicht entpricht in Grunde dem von AGEODs Vorgängerspielen. Hier hat man auch direkt die Möglichkeit neue Einheiten aufzustellen.



    Im Wirtschaftsmodus erhält man einen schnelleren Überblick über verfügbare Ressourcen und Industriebetriebe. Hier lassen sich neue Betriebe, Fabriken oder Industrieanlagen bauen, welche in sechs Kategorien unterteilt sind: Agrarbetriebe, Rohstoffförderungen, Industrieanlagen, Kolonialgebäude, Militärische sowie Spezialgebäude (z.b. Infrastruktur wie Bahngleise).

    Bei Pride of Nations geht es nicht darum in regelmässigen Intervallen einfach irgendwelche Icons zu drücken um den Industriewert zu heben. Vielmehr stehen dutzende verschiedener Minen oder Bergwerke sowie Agrar-, Industrie-, oder weiterverarbeitende Betriebe zur Verfügung. Der Bau eines Betriebes geschieht auch nicht über Nacht und ist auch nicht überall möglich. Ein neues Kohlebergwerk wird man eher im Ruhrgebiet gründen können als in Königsberg. Und einen Weinberg wird man auch nicht auf Spitzbergen betreiben können.



    Weitere Modi sind der Kolonialmodus und der Entscheidungsmodus. In letzterem können eine Art "Aktionskarten" ausgespielt werden, welche vorher zufällig (bzw nach geschichtlicher Vorlage) oder gezielt freigeschaltet werden können. Hier versuchen wir Hannover zu beeinflussen um dort den Wunsch zur Vereinigung Deutschlands zu schüren:



    Pride of Nations ist, wie bereits erwähnt, rundenbasiert. Eine Spielrunde umfasst rund 15 Tage. Verwendung findet hier das sogennante "We-Go" System. Während der Planungsphase werden Bau-, Forschungs- oder Bewegungsbefehle gegeben, während sich erst in der Ausführungsphase die Einheiten in Bewegung setzen. Da die lange Kampagne über 1600 Runden umfasst, ist vorausschauende Planung gefragt. Keine Nation ist über Nacht gross geworden, ebensowenig wie eine Nation über Nacht ruiniert wurde.

    Man hat also genügend Zeit sich mit der Verwaltung seines Staates auseinander zu setzen oder langgesteckte politische Ziele umzusetzen. In wirtschaftlicher Hinsicht sind kleine Fehler sozusagen unerheblich. Man kann nicht über Nacht Preussen zur Wirtschaftsnation Nummer eins machen. Auch die Aufbau einer Armee bedarf Zeit. Einheiten benötigen Wochen bis Monate bis zur Aufstellung.

    Neben den vier erwähnten Kartenmodi stehen zehn weitere Menüs, in Forum von umfangreichen Verwaltungsfenstern mt Tooltipps, zur Verfügung wie zum Beispiel das Kriegsministerium oder die Wissenschaftsakademie sowie weitere Handels- (Taste "T") oder Bilanzfenster (Taste "B").
    Auch hier wird, anbetracht der Länge der Szenarien, empfohlen mit Bedacht und Zurückhaltung vorzugehen. Zu rasche Forschung wird die Nation schnell in den Ruin treiben. Im Grunde dient die Forschung nur dazu eine bestimmte Technologie einen kleinen Schub zu geben. Denn unabhängig vom Eingriff des Spielers geht die Entwicklung voran.



    Fehlt es uns an bestimmten Gütern können diese, falls angeboten, auf dem Weltmarkt gekauft werden. Produktionsüberschüsse gehen in den Export, falls man momentan keinen Bedarf daran hat. Auch hier gilt: Rom wurde nicht über Nacht erbaut. Es empfiehlt sich erst einige Runden die eigenen Bedürfnisse anzusehen, bevor man entscheidet z.b. einen eigenen Industriezweig aus dem Boden zu stampfen, nur weil irgendwo eine Fabrik aus Ressourcenmangel kurzzeitig seinen Betrieb stilllegen musste.



    Handel mit weiter entfernten Ländern oder Kontinenten, wie z.b. die USA, erfordern jedoch eine Hochsee-Handelsflotte. Keine Sorge. Man ist nicht gezwungen jeden einzelnen Dampfer manuell in die Ferne zu entsenden sowie zu be- und entladen. Man muss lediglich geeignete Schiffe in einen sogenannten See-Handelslink entsenden, der dem gewünschten Handelspartner zugewiesen ist.



    Das wirtschaftliche und ökonomische Konzept ist gut durchdacht. Das verschachtelte Userinterface ist jedoch gewöhnungsbedürftig. Man merkt es der Engine an, dass sie nicht für Spiele mit solcher Tiefe gedacht war. Man muss sich anfangs ernsthaft mit dem Spiel beschäftigen, bevor man auch wirklich versteht, was vor sich geht. Neben dem freien "vor sich hinwirtschaften und regieren" wird man immer wieder mit Aufgaben konfrontiert. Hier wird uns empfohlen innerhalb von zehn Jahren die grösste Armee Westeuropas aufzustellen.



    Ein weiterer elementarer Aspekt des Spiels ist die Kolonialisierung. Da ich während meines Spieletests jedoch nur mit Preussen unterwegs war, und hier auch nur rund 20 Spielrunden (mit diversen Neustarts, stets nach Erlangung grundlegender neuer Erkenntnisse), kam ich nicht zu diesem Vergnügen.

    Es gab lediglich einmal eine Krise mit den USA, welche mir meinen Anspruch auf Samoa im Pazifischen Ozean streitig machen wollte. Solche Krisen werden mittels einer Art Kartenspiel gelösst in dem beide Parteien aus einer grossen Anzahl von Optionen wie Drohung, Teilmobilmachung oder anderen sanfteren diplomatischen Verbalakrobatiken versuchen einen Vorteil zu erlangen, bzw die Krise zu ihren Gunsten zu lösen. Prestigegewinn oder auch Verlust gehen nach Ende der Krise mit dem Ausgang der diplomatischen Schlacht einher.




    Fazit:
    Wer auf der Suche nach einem komplexen, detaillierten und historisch angelehnten Strategiespiel war, könnte hier fündig werden. Liebhaber von Spielen wie Victoria, Europa Universalis oder Crown of Glory sollten hier unbedingt zugreifen. Wermutstropfen ist, wie bereits geschildert, die etwas lieblose Grafik. An das verschachtelte Userinterface hat man sich relativ schnell gewöhnt. Zudem ist AGEOD dafür bekannt, seine qualitativ hochwertigen Strategiespiele lange zu supporten und stets auch mit engem Kontakt zur Spielgemeinde zu verbessern.

    Ein klarer weiterer Kaufgrund dürfte auch der angenehme Preis sein. Dieser wird bei nur knapp 20,- Euro in der Downloadversion liegen (nebst 70-seitigem pdf Handbuch). AGEOD hat auch angekündigt, dass wenige Tage nach Release mit einem grösseren Patch zu rechnen ist, welcher aber noch nicht die Qualitätssicherung vollständig durchlaufen hat. Dieser wird noch einige kleinere Bugs beheben sowie die Performance verbessern. Letztere fand ich übrigens zufriedenstellend. In Foren gemeldete extreme Lags beim Zoomen der Karte konnte ich durch wenige Klicks (nach Zuhilfenahme diverser Performancethreads im Paradox Forum) schnell aus der Welt schaffen.

    Viel Spass beim Spielen wünsche ich. Nicht vergessen die Pickelhaube zu entstauben und auf zu Preussens Gloria.

    Grafik & Sound 5/10
    Die bescheidene Grafik zieht das Gesamtergebnis etwas herunter.

    Steuerung & Interface 5,5/10
    Das Interface ist gewöhnungsbedürftig aber durchaus erlernbar. Die langen KI Berechnungsphasen zwischen den Runden stören aber den Spielfluss.

    Atmosphäre 8/10
    Gute Umsetzung dieser Zeitepoche. Zahlreiche Events bereichern das Spiel.

    Spielumfang 10/10
    Alle grossen Nationen sind spielbar. Eine Kampagne kann tausende Runden umfassen. Was will man mehr?

    Künstliche Intelligenz 9/10
    Die KI der AGEOD Titel gehört zu den besseren des Genres. Nicht perfekt aber durchaus fordernd.

    Gesamtwertung: 75%

    Nachtrag Dezember 2011: Trotz einiger Patches ist keine wesentliche Verbesserung der KI Berechnungszeiten erkennnbar. Die Gesamtwertung wurde dementsprechend etwas nach unten korrigiert. Nachtrag April 2013: Das Spiel wird ab jetzt exklusiv von Slitherine und Matrix Games vertrieben.
    Kommentare 9 Kommentare
    1. Avatar von Tribun76
      Tribun76 -
      Sehr interessante Analyse. Werde mir das Game mal anschauen in der Hoffnung, die Spielmechanik zu verstehen.
    1. Avatar von vonKleist
      vonKleist -
      *seufz*

      Wenn man doch nur die Zeit hätte. Ist aber def. auch ein Pflichtkauf, alleine schon bei dem Preis und dem Support den AGEOD leistet.
    1. Avatar von Tribun76
      Tribun76 -
      Bei Steam hats mich eben angelächet
    1. Avatar von vonKleist
      vonKleist -
      Hats denn schon wer Erfahrung mit dem Multiplayerpart gemacht?
    1. Avatar von Vasquez
      Vasquez -
      Glaube kaum. Im allgemeinen warten die meisten auf den ersten grossen Patch.
    1. Avatar von vonKleist
      vonKleist -
      Gekauft ist, nun mal schauen was sich da so drinne versteckt.

      Paris, Paris, wir fahren nach Paris xD
    1. Avatar von Tribun76
      Tribun76 -
      Hm, bräuchte mal einen Fahrplan, wie man so die ersten paar Runden vernünftig gestaltet. Hat schon jemand Erfahrungen machen können?
    1. Avatar von Vasquez
      Vasquez -
      Habe mal im PoN Thread im Forum was gepostet. Kommt sicher noch mehr. Bin gerade schreibfaul
    1. Avatar von Wenck
      Wenck -
      Klasse Spiel. Definitiv besser als Victoria.
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