• Paradox: March of the Eagles REVIEW

    Der bekannte schwedische Strategiespieleentwickler "Paradox Development Studios" hat mit seinen letzten eigenen Produkten, insbesondere mit Crusader Kings II, die Messlatte recht hoch angesetzt. Auch waren im Gegensatz zu einigen früheren Releases die letzten Titel bereits aus der Verkaufspackung heraus nahezu fehlerfrei. Dementsprechend gespannt wartete die Spielgemeinde auf "March of the Eagles", ein Spiel angesiedelt in der napoleonischen Eroberungs-Ära, und sei es nur, um die Zeit bis zum Erscheinen von Europa Universalis IV zu überbrücken.

    Der ursprüngliche Arbeitstitel von March of the Eagles (im nachfolgenden Review mit MotE abgekürzt), lautete Napoleon Campaigns II, da es in erster Linie von dem französischen Developer AGEOD entwickelt werden sollte. Dieses Studio schloss sich vor drei Jahren Paradox Interactive an und fungierte bis vor einigen Monaten als Paradox Frankreich. Mit der einvernehmlichen Trennung der beiden Studios wurde die Entwicklung des Spiels wieder komplett von Paradox übernommen. Soviel zur Entstehungsgeschichte.

    MotE verwendet Paradox´s "Clausewitz"-Engine, die auch schon bei Sengoku oder Crusader Kings II Anwendung fand. Angesichts des angenehmen Preises von nur 20 Euro lässt sich bereits erahnen, dass es sich bei dem Spiel nicht um einen Premium Titel von Paradox handelt. Diese Bezeichnung kann man nur den grossen Serien der Schweden zuschreiben, wie Europa Universalis, Hearts of Iron, Crusader Kings oder Victoria.

    Nach dem Starten des Spiels landet man auf der obligatorischen Übersichtskarte. Hier hat man im Einzelspielermodus wie gewohnt die Möglichkeit eine Kampagne und seine Nation auszuwählen. Von ersterem, nämlich der Kampagne, steht allerdings nur eine einzige zur Auswahl - die grosse Kampagne ab dem Jahr 1805. Wünschenwert wäre sicherlich mindestens eine weitere, etwas früher angesiedelte Kampagne gewesen, als Napoleon noch regulärer General, oder auch etwas später erster Konsul der Französischen Republik, war. Das Jahr 1805 stellt aber einen beliebten Startzeitpunkt bei Strategiespielen dar, war es doch das Jahr der (Selbst)-Krönung Napoleon Bonaparte´s zum Kaiser.



    Das Spiel ist nicht darauf ausgelegt, dem Spieler die völlige Freiheit bei der Auswahl seiner Nation zu überlassen. Zwar hat man die Möglichket, auch kleinere Länder zu spielen, es haben aber nur die Grossmächte Siegesbedingungen und Ziele hinterlegt. Als Grossmächte stehen zur Verfügung: Frankreich, Großbritannien, Russland, Spanien, Preussen, Österreich, Schweden und das Osmanische Reich. Die Kampagne endet spätestens im Jahr 1820. Um zu gewinnen, muss man die Vormachtstellung zu Land und zu Wasser erringen. Um dies zu erreichen, muss man sich in Besitz von - für jede Grossmacht eigens definierte - Provinzen bringen. Ja, richtig gelesen, auch zur Erringung der Herrschafft zur See muss man Landprovinzen bzw Häfen einnehmen. Klingt ungewöhnlich, ist aber so.

    Um eines gleich klarzustellen: MotE ist kein Grand-Strategy-Game wie Europa Universalis. Will es auch gar nicht sein. Es ist ein Kriegs-Strategiespiel. Die Schlachten und Feldzüge stehen hier im Vordergrund. Dementsprechend liegt hier der Fokus bei den Streitkräften. Die meiste Zeit wird der Spieler mit dem Ausheben neuer Einheiten und der Verwaltung seiner Truppen beschäftigt sein. Um dem Genüge zu tun, darf man bei MotE aus einer ganzen Palette von Einheiten auswählen. Diese reichen von Linien- und Gardeinfanterie, über leichte Infanterie und Jägern bis hin zu diversen Kavallerietypen, Milizen, Landsturm, Nachschub- und Garnisonstruppen sowie regulärer oder pferdebespannter Artillerie.



    Die interessanteste Neuerung ist die Armee- bzw Korpsstruktur. Die oben angesprochenen Einheitentypen umfassen im Spiel zwischen 1.000 und 2.500 Soldaten und werden als Regimenter dargestellt. Man kann diese, wie in den früheren Paradoxtiteln, zu grösseren Verbänden zusammenfassen. Hier kommen aber nun die neuen Features zum Tragen. Die eigenen Grossverbände können insgesamt in drei Flanken (linke Flanke, Zentrum und rechte Flanke) sowie Reservetruppen gegliedert werden. Konkret gesprochen bedeuted dies, dass man sämtliche Freiheiten hat, seine Armee den eigenen Vorlieben entsprechend aufzustellen.

    Hinzu kommen nun die Generäle, die den einzelnen Flanken zugewiesen werden können. Jede der drei Flanken, wie auch die Reservetruppen, können (bzw sollten) einen eigenen Kommandeur haben, wobei immer der Kommandeur der Reserve auch der Verbandsführer ist. Das ganze wird noch verfeinert. Diverse Offensiv- und Defensivhaltungen stehen zur Auswahl. Sofern der richtige Mix an Truppen einer Flanke zur Verfügung steht, lassen sich spezielle Doktrin vorgeben. Verfügt beispielsweise ein General für seine ihm untergebene Flanke über die richtige Mischung an Linieninfanterie, leichter Infanterie und Artillerie, kann man ihm die Taktik "Stellung halten" oder "Verzögerung" vorgeben. Macht die Flanke im Gefecht dann von der vorgegebenen Taktik "Stellung halten" Gebrauch, wird sie eine von diverse in Frage kommenden Manövern - wie "begrenzter Gegenangriff" oder "aggressive Aufklärung" - ausführen.



    Insgesamt stehen neun solcher Spezialtaktiken zur Verfügung, die wiederum diverse Manöver nach sich ziehen können. Taktiken können jeder Flanke separat zugewiesen werden. Auf das Verhalten der Reservetruppen hat der Spieler keinen unmittelbaren Einfluss. Der kommandierende General einer Armee entscheidet selbst, wie er sie einsetzen will. Zum Beispiel um einen wankenden Flügel seiner Armee zu verstärken oder um eine Offensivhandlung, eines unterstellten Generals, zu unterstützen.

    Das alles hat durchaus Auswirkungen auf dem Schlachtfeld und dient nicht nur dazu, dem Spiel taktische Tiefe vorzugaukeln. Mehrfach konnte ich einem doppelt so starken feindlichen Korps, dank besserem Truppenmix und entsprechenden Manövern, eine schwere Niederlage zufügen. Allerdings ist die Taktikauswahl nicht interaktiv. Soll heissen, der Spieler kann im Gefecht die Taktik seiner Flanken nicht ändern. Man muss hier sozusagen im voraus Planen. Sieht man eine überlegene Streitmacht auf sich zukommen und sieht keine Möglichkeit mehr, die eigene Truppe vorher abzuziehen, sollte man eben defensive Doktrien auswählen, bevor die Schlacht beginnt. Es wäre schön gewesen, wenn man auch im Laufe einer Schlacht auf die Manöver Einfluss nehmen könnte.



    Wie bereits dargestellt, ist MotE in erster Linie auf Kriegführung ausgelegt. Dementsprechend gering fällt der Aufbaupart der eigenen Nation aus. Es gibt nicht einmal eine handvoll Optionen zum Ausbau seiner Provinzen, wobei man auch nur vom Bau der Depots sinnvoll Gebrauch machen wird. Der lineare Ausbau der Inftrastruktur und der Bau von Forts oder Häfen ist im Grunde gar nicht nötig.
    Hier hätte man viele Dinge in das Spiel bringen können, die auch der Atmosphäre zuträglich gewesen wäre. Zum Beispiel Militärakademien zum Ausheben von Garde- oder Grenadierregimentern. In MotE gibt es nämlich diesbezüglich keine Einschränkung. Jede Einheit kann überall aufgestellt werden. Die einzige Ausnahme stellen Schiffe dar, die zum Bau einen entsprechenden Militärhafen benötigen. Ansonsten darf man als russischer Zar sowohl in St. Petersburg, als auch überall im Ural, Garde-Einheiten rekrutieren. Zwar geht es in grossen Städten oder urbanisierten Regionen schneller, viel Sinn macht dies jedoch nicht. Selbiges gilt zum Beispiel für Artillerie. Auch hier hätte man regionale Verbesserungen, wie Kanonen-Giessereien, einbinden können.

    Ähnlich einfach verhält es sich mit der Diplomatie. Grundsätzlich reicht der Button zum Krieg erklären vollkommen aus. Einen "Bad-Boy"-Wert wie in anderen Paradoxspielen gibt es in MotE nicht. Zwar darf man eine Koalition gründen bzw ihr beitreten, um der jeweils vorherrschenden Macht auf dem Kontinent entgegen zu treten, nötig ist dies aber nicht. In meinen Kampagnen sowohl als Preussen, als auch als Russland, kam ich auch alleine klar.
    Bleibt noch die Forschung. In MotE "Ideen" genannt. Jede Nation generiert monatlich einige Ideenpunkte. Durch das Schlagen von Schlachten kommen weitere dazu. Diese darf man in militärische Taktiken, wie bessere Logistik, besserer Initiative oder Kampftaktiken, wie das Perfektionieren von Salvenfeuer, investieren. Das Ganze ist nicht besonders umfangreich, aber durchaus interessant, da es stets an Ideenpunkten mangelt. Man muss schon etwas die eigenen Umstände berücksichtigen. Eine Seefahrernation wie Grossbritannien wird seine Ideenpunkte verstärkt in der Marine anlegen. Eine Nation wie Russland, die zwar viele Soldaten aufbringen kann, aber militärtechnisch etwas zurück hinkt, wird versuchen die Qualität seiner Truppen zu steigern.



    Der Release ist solide. Zwei kleinere Bugs sind mir aufgefallen, die aber keine Gamebreaker darstellen. Etwas störend empfand ich die wieder zurück gekehrten "Zombi-Armeen". Man glaubte dies schon aus den Paradoxspielen verbannt. Konkret gesprochen bedeuted dies, dass geschlagene Armeen nach deren Niederlage wieder in die Offensive gehen, anstatt sich zurück zu ziehen. Schlimmer noch. Oft tritt der geschlagene Feind die Flucht nach vorne an. Er zieht sich also tiefer in Feindesland zurück, anstatt sein Heil in ihrem eigenen Territorium zu suchen. Der Spieler ist so ständig genötigt, einer weichenden Armee wochen- oder gar monatelang nachzusetzen. Persönlich habe ich mir angewöhnt, immer einige autonome Regimenter oder Brigaden im Schlepptau meiner grossen Verbände zu belassen, um dem zu begegnen. Paradox hat aber mit dem nächsten Patch Nachbesserung versprochen.

    Ebenso hat Paradox eine Aufwertung der KI zugesagt. Diese scheint mir doch etwas inkompetent in MotE. Mit meinen preussischen Truppen habe ich in Unterzahl und mit deutlich veralteten Doktrien die französische "Grand Armee" vernichtend geschlagen. Nuja, ehrlich gesagt bin ich ihr gar nicht begegnet. Die französische Armee hatte sich über ganz Frankreich in Forts verkrochen und sich zu Tode hungern lassen. Erst als der Krieg entschieden war und ich drei viertel Frankreichs besetzt hatte, erschienen drei grosse Stacks von je 70.000 Mann. Hatten sich wohl in den Weinkellern Marseilles verschanzt gehabt, anstatt Paris zu verteidigen. Dagegen war mein Russlandfeldzug schon interessanter. Die russische KI versäumte es aber auch hier, lange Zeit ihre überlegenen Kräfte zu bündeln. Erst als er nach zwei Jahren Krieg schon am Boden lag, fasste er 200.000 Mann zusammen, musste aber dennoch kurz darauf seine Kapitulation hinnehmen.



    Fazit:
    Ein durchweg unterhaltsames Kriegs-Strategiespiel. March of the Eagles weist einige sehr gute Features auf, die ich auch gerne in kommenden Titeln wie Europa Universalis IV sehen würde. Die Stärken, wie das Armeemanagement und die Manöver, hätten aber durchaus besser ausgearbeitet werden sollen. Alles in allem ein gutes Spiel, jedoch mit leichtfertig verschenktem Potential. Vielleicht verhelfen kommende Patches dem Spiel noch zum richtigen Glanz. Eine deutlich höhere Wertung könnte hier noch drin sein.

    Grafik & Sound 8/10
    Die Clausewitz Engine gehört optisch sicher mit zu den besseren Vertretern des Strategiespielegenres. Auch die Musik ist, wie aus früheren Paradoxtiteln gewohnt, recht ordentlich.

    Steuerung & Interface 8/10
    Alles ist nachvollziehbar und leicht zu finden. Einige Buttons und Ansichten dürften grösser sein. Wie im Review angesprochen, sollte man das Armeemanagement-Fenster überarbeiten und verbessern. Ich will mehr als vier Regimenter einer Flanke sehen, ohne scrollen zu müssen. Dieser Wunsch ist nicht verhandelbar. Punktabzug.

    Atmosphäre 7/10
    Das Drumherum ist etwas mau. Einige gescriptete Events. Der Atmosphäre zuträglich ist das Armeemanagement und die Vielzahl an zur Verfügung stehenden Einheitentypen. Allerdings unterscheiden sich diese oft kaum - oder stellenweise garnicht - voneinander in ihren Werten. Als Preussen hat man zum Beispiel sieben verschiedene Arten von Kavallerie (Dragoner, Husaren, Kürassiere, Ulanen, Gardekavallerie, Landwehr- und Freikorpskavallerie). Laut Statistik performen diese aber alle nahezu identisch. Der maritime Part von MotE wurde recht stiefmütterlich behandelt. Eine grosse Flotte zu unterhalten ist im Singleplayer kaum vonnöten und kostet nur unnötig Geld. Im Multiplayer sieht das jedoch unter Umständen wieder etwas anders aus.

    Spielumfang 7/10
    Zum Durchspielen einer Kampagne benötigte ich rund 30 bis 40 Stunden. Somit unterscheidet sich MotE ganz erheblich von den meisten Paradox-Titeln, die hierfür oft Wochen oder Monate benötigten. Angesichts des vergleichbar günstigen Preises und des stimmigen Multiplayers geht der Umfang aber in Ordnung.

    Künstliche Intelligenz 6/10
    Die K.I. ist relativ schwach auf der Brust. Paradox will hier aber nacharbeiten und angesichts der Tatsache, dass die Schweden auch ihre früheren Releases stets verbesserten, werde ich hier eine wohlwollende Durchschnittsnote vergeben (Anmerkung: Die K.I. Wertung geht nur in die Singeplayerwertung ein).

    Gesamtwertung: Singleplayer 72% - Multiplayer 75%


    March of the Eagles ist unter anderem erhältlich bei Steam.



    Testsystem: iCore7 3500 - 16GB Ram - GTX680 ->Folgt uns auf Twitter<- ->Besucht uns auf Facebook<-

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